Die letzten 21 Tage
Städte, oder im Neuseeländischen Kontext besser gesagt: Siedlungen, geben mir immer die Gelegenheit zum Rückblick. Nicht zuletzt wohl wegen des Stromanschlusses.
So sitze ich gerade hier in Dunedin, im Café Cinnamon (mit einem Spinache-Corn Muffin und dem zweiten Cafe [denn ich sitze schon seit zwei Stunden]), schreibe, lese, schaue mir meine Fotoshots an- Passanten ziehen vorüber und der Straßenlärm mischt sich mit dem Geruch von frisch gemahlenem Kaffee und dem Orchester der Kaffeemaschine. Gleichermaßen wie der Rückblick überfällt mich in jeder größeren Population das Gefühl der Einsamkeit und Leere. Die letzten drei Monate waren stets begleitet von Plänen, Menschen, Erwartungen und SOO viel Zeit. Nun habe ich bald meine Rundreise beendet, bin seit Samstag quasi auf dem Rückweg in den Norden. Carlos ist noch nicht unter der Haube und niemand ist hier, mich zu belustigen. Dem entsprechend war meine Stimmung letzte Nacht, als ich in Dunedin ankam, kein Platz zum Schlafen, und bloß eine Schattengestalt unter Hunderten in dieser doch recht großen Stadt.
Doch sollte ich mich nicht beklagen, die letzten Tage und Wochen waren schließlich wieder wundervoll.
Ich genoss die letzten Tage in Te Anau, mit den Latinos, Nathan und seiner Couchsurfer-Crew und das Fjordland als ganzes, das mich noch immer mit wundervollem Wetter und einem Panorama verwöhnte und das mich so oft mit offenem Mund, staunend inne halten ließ.
Ich unternahm spontan den ersten Teil des Kepler Tracks, der mich fünf Stunden hinauf auf den eintausend-zweihundert Meter hohen Mt. Luxmore führte (und vier Stunden wieder hinab) Neun Stunden Mountaineering waren für mich eine ersehnte Herausforderung. Ich dachte an meinen Lieblings-Kinderbuch-Charakter und Alter Ego, Lotta. „Lotta kann (fast) alles“ heißt es dort und ich dachte: Ja, verdammt, ich kann (fast) alles! Warum ich mich dann von Städten und Schönen Frauen einschüchtern lasse, frage ich mich gerade- wo ich Berge bezwingen, Bäume erklimmen, Seelöwen fotografieren und alleine am Straßenrand übernachten kann.. Gefangen in meinem Ego?
Anyway..
Am Mittwoch, den 17. Februar ging es weiter von Te Anau in Richtung Catlins. Entlang der wunderschönen Fjordlandschaft mit seinem eingefurchten Gebirge, seinen wolkenumspielten Bergen und Seen. Auf diesem Weg erfuhr ich das erste Mal seit über vier Wochen richtigen Regen und sogar Sturm. Die Küste entlang der Catlins, der Südlichsten Region Neuseelands, in der es nur sporadisch Handynetzabdeckung und Internet gibt, ist gespickt von Aussichtspunkten und Scienic-Spots, die einen Halt oder auch Umweg wert sind. Gegen Abend versiegte der Regen und bescherte mir einen wundervollen Sonnenuntergang an meinem am Strand gelegenen Schlafplatz, wo ich auf meinem Abendspaziergang merkwürdige Meeresschätze fand. Muschelwesen, Korallen, Schwämme und riesige Schlingalgen spielt der Südpazifik an Land. Jedoch auch Glänzende Muschelschätze und Mineralien.
Am nächsten Morgen war es erneut stürmisch und nass und ich fuhr weiter in Richtung Süden und genoss das Wetter, das mich schon mal auf den Frühling in Deutschland einstimmte.
In einem kleinen Second-Hand-Shop entlang der Straße in Riverton entdeckte ich eine günstige Kindergitarre, der ich mich nach langem Zögern annahm. In den vergangenen zwei Wochen wuchs in mir mehr und mehr das Bedürfnis, eine Profession zu erlernen. Ich traf so viele Straßenmusiker, sah sie spielen, sah die Stimmung und die Menschen um sie herum und wusste- das ist es, was ich will! So kaufte ich dieses Kleinod, das nicht groß im Klang ist, und doch hoffentlich dennoch einen riesigen Grundstein legen wird!
Abends hieß mein letzter Halt Wakapapa Point, ein Strand mit altem Leuchtturm und zu meiner Überraschung, einer dreiköpfigen Seelöwen-Kolonie. Ich beobachtete den Seelöwen-Bullen bei seiner Brunft gegen einen Rivalen und im Spiel mit seinem Weibchen. Hörte seine Röhren und stellte überrascht fest, wie riesig und schnell diese Kolosse an Land sein können. Eine holländische Familie, die das Naturschauspiel über mindestens eine Stunde mit mir beobachtetet, lud mich anschließend in ihren Campervan auf Tee und Gebäck ein- Ein Leben wie auf dem Campingplatz.
Den nächsten Tag fuhr ich weiter, besuchte Slope Point, den südlichsten Punkt Neuseelands, wo es so sehr stürmte, dass man sich in den Wind legen konnte. Ich hatte das Ziel, erneut eine Nacht an der Küste zu übernachten, als ich in Papatowai, am „Lost-Gipsy-Bus“ Halt machte, um mir die dortige, wie auch immer geartete Ausstellung zu betrachten- ich hatte keine Ahnung..
Der Bus war gespickt von kleinen mechanischen Kunstwerken aus Holz, Draht und Fidel-Dingen, die Neil, der Besitzer in Kurbel-betriebene Spielzeuge verzaubert hatte. Manche mit elektrischem Licht mithilfe einer Batterie. Wundervoll. Die neben dem Bus aufgebaute Ausstellung zeigte noch mehr seines Könnens und ließ mich staunen. Ein wirkliches Genie, dieser Mann.
Als ich mich nach meinem Besuch verabschieden wollte, luden mich Neil und sein Freund James auf einen Drink ein und so blieb ich – für einen Drink, für Dinner, für die Nacht, für den folgenden Tag und verließ diesen tollen Ort, voller interessanter Menschen und Musik am Sonntag-Mittag, nach einer Strandparty. Wegen der auslaufenden Auktion von Carlos musste ich bald Internet finden, was wie bereits gesagt, im Southland nicht gerade einfach ist, und haschte somit etwas schneller als gewöhnlich gen Dunedin. Nicht jedoch ohne die Highlights mitzunehmen, wie etwa den magischen Nugget-Point.
Alle Eindrücke entlang der Catlins kann ich niemals erwähnen, es waren zu viele, aber ich sah Pinguine, Seehunde, spielte Gitarre im Wundumpeitschten Auto, musste danach Fremd gestartet werden, da ich vergessen hatte, mein Fernlicht auszuschalten und kletterte mit den Vögeln durchs Geäst.
Und ja, nun sitze ich eine weitere Stunde später noch immer im Café, mein Kaffee ist halb leer und kalt, der Milchschaum klebt rau und alt am Tassenrand.
Ich habe noch drei wertvolle Wochen in Neuseeland und wünsche mir doch im Augenblick nichts mehr als von hier aus durch die Stadt in meine Wohnung zu spazieren. Auf dem Weg halte ich am Gemüseladen, kaufe eine Avocado, sehe das vertraute Gesicht des Gemüsehändlers, dem ich einen schönen Tag wünsche, und zu Hause lese ich ein Buch in meinem Sessel, oder studiere eine Profession.
Stattdessen schlürfe ich den kalten Milchschaum aus der Tasse, nachdem ich alles erledigt habe und keinen Strom mehr brauche. Spaziere durch die Stadt zurück zu meinem Auto, suche einen Waschsalon, danach einen öffentlichen Internet-Access-Point und reise dann irgendwann weiter- Auf zu noch mehr Küsten, Buchten, Seehunden und Möwen.. Wie alles kann selbst das Paradies einen ermüden.


























































